Ist unsere Musikrichtung Skiffle/Jugband Music „ein alter Hut“? Oh, weit gefehlt! Es handelt sich um eine weltweit lebendige Szene – von den USA über Europa bis nach Japan!
Oft unter der Bezeichnung „Jug Band Music“, „Hokum“, „Washboard Music“, „Stringband Music“ u. a. m.
In den USA gibt es besonders viele junge Gruppen, so z. B. „The Barehand Jugband“ , "Devine’s Jug Band" und „The California Honeydrops“.
In unserem Raum gibt es heute in Westdeutschland, besonders in Hamburg, Niedersachsen und im Ruhrpott eine lebendige Szene.In Berlin existieren (unserer Kenntnis nach - ausser eventuell “im Verborgenen blühenden” privaten und evtl. spontanenFormationen) die Gruppen “Wedding Skiffle Orchestra”, “Pommi’s Skiffle-Group”, “Old Men Skiffle-Group”, "Six Pack" und nahezu ununterbrochen seit fünfzig Jahren "The New Skiffle Spirits" und wir: die Gruppe "SEARCHIN THE ROOTS".

Bei uns damals in den 50er Jahren als „Modeerscheinung Skiffle“ aus England bekannt geworden. Nun, die etwas “Reiferen" werden sich wahrscheinlich noch erinnern: das war jene fröhliche Art mit Waschbrett und Kisten-Bass zu musizieren, die im Dunstkreis der Wiederentdeckung des New-Orleans- und Dixieland-Jazz in den 50er- bis Anfang 60er-Jahren Furore machte. (Erklärung aus dem “Jazz-Führer" von Carlo Bohländer und Karl-Heinz Holler, Edition Peters, Leipzig: Skiffle-Group: einfache Besetzung mit volkstümlichen Instrumenten wie Mundharmonika und Washboard sowie einer Rhythmusmarkierung, z. B. durch Aufschlagen von Löffeln auf einen Stuhl; ging aus der afroamerikanischen Folklore in den Amateur-Jazz über (Dan Burley).

Viele Skifflegruppen wiederholen immer die Formulierung:
…Musik der armen Leute… …kein Geld gehabt, sich richtige Instrumente zu kaufen…
Nicht ganz korrekt! Eine solche Aussage trifft maximal um die 30% bezüglich dieser Art zu musizieren zu – die Erklärung ist viel einfacher: wenn Menschen zu Familienfesten oder anderen Anlässen zusammenkamen, wollten sie tanzen – vor langer Zeit gab es kaum Grammophone, an Radios war gar nicht zu denken. Also wurde musiziert mit allem, was vorhanden war, von der Mundharmonika über Geige und Gitarre bis zu Rhythmusträgern wie Löffel, Topfdeckel, Kisten u. a. m.
Musik zum Tanzen war das Wichtige!
Einige Beispiele aus heutiger Zeit, bzw. aus den 50er Jahren siehe bei YouTube unter:
Beispiel 1, Beispiel 2 und Beispiel 3


Von links nach rechts: Chris Barher am Bass,
Beryl Bryden mit dem Waschbrett, Lonnie Donegan an der Gitarre


Nach Europa gebracht haben diese Musikart die englischen Jazzer Ken Colyer und Lonnie
Donegan
aus den USA, gaben diese als Einlage in die Auftritte ihrer Jazzbands (Lonnie Donegan zunächst als Banjospieler bei Chris Barber).
Danach entstanden in England Gruppen wie die “Chas McDevitt Skiffle Group”, “Viper Skiffle Group", “City Ramblers", “Alexis Komer Skiffle Group" um nur einige der bekannteren zu nennen.
„Skiffle: the missing link between american jugband blues und Rock’n Roll…“ (Zur Geschichte des britischen Skiffle siehe Lohnt sich, mal reinzuschauen!)

Unerwartet traten sie damit eine Lawine los: mit wenig finanziellem Aufwand konnte man
also selbst Musik machen! Hunderte - ja tausende Skiffle-Bands entstanden ausgehend von
England in ganz Europa - und es wirkte auch wieder zurück - in die USA – obwohl es ununterbrochen dort Jugbands und Stringbands (Saiteninstrumente), wenn auch nicht übermäßig populär gab..
Das Phänomen war, dass sich die Distanz zwischen Musik Ausführenden und Musik Konsumierenden praktisch breitflächig aufhob.
Der Skiffle-“Boom" währte zwar nur wenige Jahre, aber er revolutionierte die Pop Musik und besonders den britischen Rock’n Roll. Viele - noch heute bekannte - Musiker fingen mit “Skiffle" an: die “Beatles", “Rolling Stones", “Lovin Spoonful" die“Hollies", “Led Zeppelin”, “The Shadows", Van Morrison, Tommy Steele, Cliff Richard, Adam Faith, Mark Knopfler, Joe Cocker u. v. a. m.
In den 70er-Jahren verbreitete sich in den USA wieder ein Jugband-(Skiffle-)Revival durch z. B. Jim Kweskin, Maria Muldaur, Robert Crumb und andere).


(Note hare feet and prominent display of local newsheet)
Razzy Dazzy Spam Band New Orleans 1897


Der Begriff Skiffle:
In den USA ist der Begriff “Skiffle" eigentlich nicht gebräuchlich, vielmehr agierten und agieren die Bands unter den Bezeichnungen “Jugbands", z. B. „Whistler’s Jug Band" =
“Spasm Bands", “Hokum-" oder “Stringbands").
Die Bezeichnung “Skiffle" hat sich in Europa eingeprägt für diese Art Musik, die zur Kategorie “Blues" zählt und ihr Repertoire aus der angloamerikanischen Folklore, ländlicher Tanzmusik, Sprituals, Ragtime-, New Orleans-, Dixieland- und Swing- Jazz schöpft, wobei es nicht einen Musikstil bezeichnet, sondern die Art der Instrumentierung – es ist also durchaus legitim eine breite Palette von Stücken aus der anglo-amerikanischen Folklore bis zu Titeln aus der Beat-Ara darzubringen..
Wie man annimmt kommt der Begriff “Skiffle" eigentlich vom Wort “Scittle" – das bezeichnet das Musizieren für Geld auf der Straße “mit hausgemachten oder gefundenen Instrumenten" - oft in Kombination mit “legitimen Instrumenten" (Gitarren, Banjos, Trompeten, Klarinetten und Harmonikas).
Bitte Skiffle, Jugband- und Stringband-Musik niemals mit "Country", "Hillbiliy" oder gar “Linedance" verwechseln - das ist ein Unterschied wie der Gegensatz zwischen bayerischem Schuhplattler und Shanties von der Nordseeküste. Zu solchen “Country-Irrtümern” trug allerdings die Praxis bei, aufgrund von Publikumswünschen einige Country- und Western-Titel in das jeweilige Repertoire von Skifflegruppen zu übernehmen.

Skiffle ist eigentlich keine “vortragende" Musik - mit wichtigen textlichen Aussagen (obwohl auch Balladen aus der Folklore Eingang fanden) - sondern in erster Linie Tanzmusik, bzw. Stimmungsmusik. Auch der traditionelle Jazz war Tanzmusik! - Die Improvisation eher ein Nebeneffekt… Das erklärt auch, weshalb so viel “gecovert" wurde und wird, denn die allgemein beliebtesten “Tanznummern" nahm und nimmt natürlich jede Band gerne auf. Solche Bands entstanden noch vor dem Siegeszug des “Ragtime" in den USA - etwa ab 1860 und danach, als ländliche Tanzmusikbands, oft waren es Farbige, die zu den Festlichkeiten der “Weißen' aufspielten, auch zur musikalischen Untermalung von “Medicin Shows" (Verkaufsshows obskurer Heilmittel von fahrenden Händlern).
Etwa ab 1920 gab es in Chicago (“House-rent-Parties = Musik und heimlich gebrannter Schnaps, um Geld für fehlende Mietzahlungen herein zu bekommen) und in den südlichen Gebieten der USA einen nochmaligen Aufschwung der Jug Bands, dabei erste Plattenaufnahmen, so von "Gus Cannon's Jug Stompers' und der berühmten "Memphis Jug Band".

 
     
Die “üblichen" Instrumente “Hausgemachte oder gefundene":

Das Kazoo:
Die zigarrenförmige “Tröte" aus Plastik oder Blech - singend wird hineingeblasen - entstanden aus der afrikanischen Rohrpfeife mit einem Membran (denselben Effekt erreicht man mit Seidenpapier und einem Kamm!)
Waschzuber- oder Kistenbass:
Auch hier war der Vorläufer afrikanischen Ursprungs - der “earth-bow"= über ein Erdloch wurde eine Tierhaut als Resonanzboden gespannt, gezupft wurde eine Tiersehne die an einem darüber gebogenem Ast befestigt wurde. Später wurden als Resonanzkörper Waschwannen (in den USA) und Teekisten (in England) verwendet, als Saite dient eine einfache Wäscheleine.
       
Waschbrett:
Vorläufer waren gekerbte Kürbisschalen oder Holzstücke - auch mit Zähnen versehene Kieferknochen des Esels - auf denen der Rhythmus geschrabt und geklopft wurde. Auf dem Waschbrett erfolgt das dann mittels Fingerhüten, Löffeln oder gar mit zwischen den Fingern gehaltenen Münzen.
Jug (Krug):
auch die “Tuba des Kleinen Mannes" genannt - in einen Ton- oder Glaskrug, auch in eine Blechkanne wird singend, bzw. summend hineingeblasen, wie auch beim Kazoo, um dadurch einen Basston zu erzeugen.
       
Musical-Saw:
Die “Singende Säge" deren “wimmernden" Töne werden mit einem Geigenbogen oder durch einen Anschlag mit einem Klöppel erzeugt, wahrscheinlich mal in den Holzfäller-Camps entstanden.
Cajon:
Früher eigentlich nur eine Holzkiste (ursprünglich Fischkiste) auf der der Rhythmus geschlagen wird. Farbigen war die Benutzung von Trommeln in einigen “christlichen" Ländern untersagt, da diese “heidnischen Ritualen" dienen könnten.
       
Diverse selbstgebaute Instrumente waren üblich, wie Gitarren aus Zigarrenkisten, Banjos aus Blechdosen oder unter Verwendung von Bratpfannen und Kürbissen. Nicht zu vergessen die “legitimen Instrumente": Gitarre, Banjo, Mandoline, Ukulele, “Brummtopf”, Maultrommel, Geige, Autoharp, Mundharmonika, Slide-Whistle, Akkordeon und viele andere mehr...
       
Skiffle/Jugband Music und Berlin
Wie eingangs schon erwähnt, schwappte in den 50er-Jahren die Skiffle-Welle über England
(dort enstanden über 1000 Gruppen) auch zu uns herüber, es entstanden fast an die hundert Skiffle-Gruppen (die “Lords" früher “Skiffle-Lords", die ,Gloomys" (früher “Gloomy Moon Skiffle Group") - mit Frank Zander – und viele andere mehr.
Wettbewerbe um das “Goldene Waschbrett" (Veranstalter “Sportpalast") und das “Goldene Banjo" (Veranstalter “Deutschlandhalle" wurden durchgeführt, stießen stets auf große Resonanz.

 
“Old Spandow Function” 1960  
“Gentlemen Tramps", 1964

Die senatseigenen Jugendheime und Tanzclubs und Räume von Kirchen-Jugendgruppen beherbergten etliche der Berliner Skiffler. Die bekanntesten Auftrittsorte waren die “Eierschale", die “Badewanne", das “Riverboat" und die “Dachluke", später das “GO-IN", “Quartier Latin" und “Denni's Pan".
Mit dem Siegeszug der “Beat-Musik" war es aber zunächst einmal damit vorbei."
Es gab aber Unentwegte, die einfach weitermachten, im privaten Bereich oder einschlägigen Kneipen auftraten. So kam es, dass sich 1981 sechs Skifflegruppen zusammenfanden, um im Szene-Lokal “GOIN" in der Bleibtreustraße einen “Skiffle-Wettbewerb" zu veranstalten.
Es handelte sich um die Gruppen “Skiffle- Butler", “Kriegmeier's Skiffle Group", “Big Fat Richard's Skiffle Group", “Wedding Skiffle Orchestra", “Black Tea Skiffle Ltd." und “Midnight Skiffle Ramblers".


Midnight Skiffle Ramblers, 1984

Im Jahr 1981 gewannen “Black Tea Skiffle Ltd." den Wettbewerb, im Jahr 1982 das “Wedding Skiffle Orchestra". Gemeinsame Treffen und Sessions gab es weiterhin anschließend.
Etliche Jahre hielten die Gruppen guten kollegialen Kontakt, bis sich durch Umzug und Auflösung von Gruppen die Zahl der Aktiven in Westberlin deutlich verringerte.

Unsere Wurzeln
Wir haben uns besonders der Tradition der Jugbands, z. B. den Stücken der “Memphis Jug
Band” gewidmet. Unser Repertoire also: die traditionelle Tanz- und Unterhaltungsmusik aus den Südstaaten der USA, bestehend aus Balladen, Worksongs, Spottliedern und beliebten Tanzstücken aus der anglo-amerikanischen Folklore - ergänzt durch Stücke aus dem New-Orleans- und Dixieland-Jazz und der Swing-Ära sowie den mehr oder weniger bekannten Songs aus dem “Skiffle-Boom” der 50er/60er-Jahre – aber auch Stücke aus den 60ern finden sich in unserem Repertoire. .
Traditionelles  zum Beispiel das bekannte “Tight Like That” von Tampa Red, “You May Leave” der berühmten “Memphis Jug Band” - “Ice Cream” nach Chris Barber -—“Have A Drink On Me” von Lonnie Donegan — und viele andere bekannte und weniger bekannte Songs mehr.
Besonderen Dank schulden wir unserem Freund Holger Lührig, dem wohl bekanntesten
deutschen “Skiffle-Chronisten”, der uns mit Aufnahmen diverser Bands und mit Texten sehr
geholfen hat. Holger spielte Bass und Jug in der Gruppe “Heupferd” - zusammen mit GötzAlsmann(!) und pflegt guten Kontakt zur deutschen Skiffle-Szene und nach England zum Alt-Skiffler Chas McDevitt (Vorsitzender der britischen “National Skiffle Society”), der immer noch in Sachen Skiffle aktiv ist..