Was ist eigentlich Skiffle?

Nun, die etwas “Reiferen" werden sich wahrscheinlich noch erinnern: das war jene fröhliche Art mit Waschbrett und Kisten-Bass zu musizieren, die im Dunstkreis der Wiederentdeckung des New-Orleans- und Dixieland-Jazz in den 50er- bis Anfang 60er-Jahren Furore machte.

(Erklärung aus dem “Jazz-Führer" von Carlo Bohländer und Karl-Heinz Holler, Edition Peters, Leipzig: Skiffle-Group: einfache Besetzung mit volkstümlichen Instrumenten wie Mundharmonika und Washboard sowie einer Rhythmusmarkierung, z. B. durch Aufschlagen von Löffeln auf einen Stuhl; ging aus der afro-amerikanischen Folklore in den Amateur-Jazz über (Dan Burley).)

Nach Europa gebracht haben diese Musikart die englischen Jazzer Ken Colyer und Lonnie Donegan aus den USA, gaben diese als Einlage in die Auftritte ihrer Jazzbands (Lonnie Donegan zunächst als Banjospieler bei Chris Barber).

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Von links nach rechts:
Chris Barher am Bass, Beryl Brydenmit dem Waschbrett, Lonnie Donegan an der Gitarre

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Danach entstanden Gruppen wie die “Chas McDevitt Skiffle Group”, “Viper Skiffle Group", “City Ramblers", “Alexis Komer Skiffle Group" um nur einige der bekannteren zu nennen.

Unerwartet traten sie damit eine Lawine los: mit wenig finanziellem Aufwand konnte man also selbst Musik machen! Hunderte - ja tausende Skiffle-Bands enstanden ausgehend von England in ganz Europa - und auch wieder zurück - in den USA.

Das Phänomen war, dass sich die Distanz zwischen Musik Ausführenden und Musik Konsumierenden praktisch breitflächig aufhob.
Der Skiffle-“Boom" währte zwar nur wenige Jahre, aber er revolutionierte (wie auch etwa zeitgleich der Rock'n Roll) die Pop Musik.

Viele - noch heute bekannte - Musiker fingen mit “Skiffle" an: die “Beatles", “Rolling Stones", “Lovin Spoonful" die“Hollies", “The Shadows", Van Morrison, Tommy Steele, Cliff Richard, Adam Faith, Mark Knopfler, Jce Cocker u. v. a. m. (In den 70er-Jahren in den USA wieder neu verbreitet durch z. B. Jim Kweskin, Maria Muldaur, Robert Crumb und anderen).

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(Note hare feet and prominent display of local newsheet) Razzy Dazzy Spam Band New Orleans 1897.

Andere Bezeichnungen für Skiffle-Bands:

In den USA ist der Begriff “Skiffle" eigentlich überwiegend nicht gebräuchlich, vielmehr agierten und agieren die Bands unter den Bezeichnungen “Jugbands", “Spasm Bands", “Hokum-" oder “Stringbands' (Saiten-Instrumente).

Die Bezeichnung “Skiffle" hat sich in Europa eingeprägt für diese Art Musik, die zur Kategorie “Blues" zählt und ihr Repertoire aus der anglo-amerikanischen Folklore, ländlicher Tanzmusik, Sprituals, Ragtime-, New Orleans- und Dixieland-Jazz schöpft.

Wie man annimmt kommt der Begriff “Skiffle" eigentlich vom Wort “Skuffle" oder auch “Scuttle" - das bezeichnet das Musizieren für Geld auf der Straße “mit hausgemachten oder gefundenen Instrumenten" - oft in Kombination mit “legitimen Instrumenten" (Gitarren, Banjos, Trompeten, Klarinetten und Harmonikas).

Um Peinlichkeiten zu vermeiden: bitte Skiffle, Jugband- und Stringband-Musik niemals mit "Country", "Hillbiliy" oder gar “Linedance" verwechseln - das wäre wie Feuer und Wasser!

Zu solchen Irrtümern trug allerdings die Praxis bei, aufgrund von Publikumswünschen einige solcher Titel in das jeweilige Repertoire zu übernehmen.

Die “üblichen" Instrumente
“Hausgemachte oder gefundene" Instrumente:

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 Das Kazoo:
die zigarrenförmige “Tröte" aus Plastik oder Blech - singend wird hineingeblasen - entstanden aus der afrikanischen Rohrpfeife mit einem Membran (denselben Effekt erreicht man mit Seidenpapier und einem Kamm!)

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Waschzuber- oder Kistenbass:
auch hier war der Vorläufer afrikanischen Ursprungs - der “earth-bow"= über ein Erdloch wurde eine Tierhaut als Resonanzboden gespannt, gezupft wurde eine Tiersehne die an einem darüber gebogenem Ast befestigt wurde.
Später wurden als Resonanzkörper Waschwannen (in den USA) und Teekisten (in England) verwendet, als Saite dient eine einfache Wäscheleine.

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Waschbrett:
Vorläufer waren gekerbte Kürbisschalen oder Holzstücke - auch mit Zähnen versehene Kieferknochen des Esels - auf denen der Rhythmus geschrabt und geklopft wurde.
Auf dem Waschbrett erfolgt das dann mittels Fingerhüten, Löffeln oder gar mit zwischen den Fingern gehaltenen Münzen.

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Jug (Krug):
auch die “Tuba des Kleinen Mannes" genannt - in einen Ton- oder Glaskrug, auch in eine Blechkanne wird singend/summend hineingeblasen,
wie auch beim Kazoo, um einen Basston zu erzeugen.

 

Musical-Saw: die “Singende Säge" deren “wimmernden" Töne werden mit einem Geigenbogen oder durch einen Anschlag mit einem Klöppel erzeugt, wahrscheinlich mal in den Holzfäller-Camps entstanden.

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Cajon:
früher eigentlich nur eine Holzkiste (ursprünglich Fischkiste) auf der der Rhythmus geschlagen wird (Farbigen war die Benutzung von Trommeln in einigen “christlichen" Ländern untersagt, da diese “heidnischen Ritualen" dienen könnten...)

 

Diverse selbstgebaute Instrumente waren üblich, wie Gitarren aus Zigarrenkisten, Banjos aus Blechdosen oder unter Verwendung von Bratpfannen und Kürbissen.

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Nicht zu vergessen die “legitimen Instrumente": Gitarre, Banjo, Mandoline, Ukulele, Geige, Autoharp (Akkord-Zither, siehe nebenstehen-de Abbildung), Mundharmonika, Slide-Whistle, Akkordeon und viele andere mehr...

Zum Charakter der Musik

Wesentlich: es ist eigentlich keine “vortragende" Musik - mit wichtigen textlichen Aussagen (obwohl auch Balladen aus der Folklore Eingang fanden) - sondern in erster Linie Tanzmusik, bzw. (im besten Sinne) Stimmungsmusik.

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Das erklärt auch, weshalb so viel “gecovert" wurde und wird, denn die allgemein beliebtesten “Tanznummern" nahm und nimmt natürlich jede Band gerne auf. Solche Bands entstanden - noch vor dem Siegeszug des “Ragtime" in den USA - etwa ab 1860 und danach, als ländliche Tanzmusikbands, oft waren es Farbige, die zu den Festlichkeiten der “Weißen' aufspielten, auch zur musikalischen Untermalung von “Medicin Shows" (Verkaufsshows obskurer Heilmittel von fahrenden Händlern). Etwa ab 1920 gab es in Chicago (“House-rent-Parties = Musik und heimlich gebrannter Schnaps, um Geld für fehlende Mietzahlungen herein zu bekommen) und in den südlichen Gebieten der USA einen nochmaligen Aufschwung der Jug Bands, dabei erste Plattenaufnahmen, so von "Gus Cannon's Jug Stompers' und der berühmten "Memphis Jug Band".

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Wie eingangs schon erwähnt, schwappte in den 50er-Jahren die Skiffle-Welle auch zu uns herüber, in Westberlin entstanden fast an die hundert Skiffle-Gruppen (die “Lords" früher “Skiffle-Lords", die ,Gloomys" früher “Gloomy Moon Skiffle Group" - mit Frank Zander - und viele andere mehr. Wettbewerbe um das “Goldene Waschbrett" (Veranstalter “Sportpalast") und das “Goldene Banjo" (Veranstalter “Deutschlandhalle" wurden durchgeführt und stießen auf große Resonanz.

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“Old Vehicle Skiffle Group", 1959,
Wettbewerb um das “Goldene Waschbrett", Sportpalast, Westberlin

Delta Skiffle Group, 1958, Westberlin

Die senatseigenen Jugendheime und Tanzclubs und Räume von Kirchen-Jugendgruppen beherbergten etliche der Westberliner Skiffle-Gruppen

Als Auftrittsorte waren die “Eierschale", die “Badewanne", das “Riverboat" und die “Dachluke", später das “GO-IN", “Quartier Latin" und “Denni's Pan" die bekanntesten.

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“Old Spandow Function", 1961

“Gentlemen Tramps", 1964

Mit dem Siegeszug der “Beat-Musik" war es aber zunächst einmal damit vorbei."

Es gab aber Unentwegte, die einfach weitermachten, im privaten Bereich oder einschlägigen Kneipen auftraten.

So kam es, dass sich 1981 sechs Skifflegruppen zusammenfanden um im Szene-Lokal “GO-IN" in der Bleibtreustraße einen “Skiffle-Wettbewerb" zu veranstalten.

Es handelte sich um die Gruppen “Skiffle-Butler", “Kriegmeier's Skiffle Group", “Big Fat Richard's Skiffle Group", “Wedding Skiffle Orchesträ ", “Black Tea Skiffle Ltd." und “Midnight Skiffle Ramblers".

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“Midnight Skiffle Ramblers" im “Celtic Cottage", 1984

Im Jahr 1981 gewannen “Black Tea Skiffle Ltd." den Wettbewerb, im Jahr 1982 das “Wedding Skiffle Orchestra ". Gemeinsame Treffen und Sessions gab es anschließend in Ahmstorf, auf dem “Berliner Hof", einem beliebten und bekannten Musikertreff.

Etliche Jahre hielten die Gruppen guten kollegialen Kontakt, bis sich durch Umzug und Auflösung von Gruppen die Zahl der Aktiven in Westberlin deutlich verringerte.

Dennoch findet diese Musik immer wieder entweder treue Anhänger oder auch neue Freunde - Skiffle- und Jugbands sind nicht kaputt zu kriegen.

Besonders unter dem Begriff “Jug Bands" gibt es heute nicht nur in den USA nach wie vor eine lebendige Szene, sondern auch weltweit - und im bescheidenem Maße durchaus anwachsend (in England “Skiffle-Revival").

Sicher ist das auch der Tatsache geschuldet, dass zum Teil eine Übersättigung durch elektronische und rechnergesteuerte Klangerzeugung zu verzeichnen ist und das Bedürfnis nach “handgemachter" Musik relativ anwächst.

In unserem Raum gibt es heute in Westdeutschland, besonders in Hamburg, Niedersachsen und im Ruhrpott eine lebendige Szene.

In Berlin existieren (unserer Kenntnis nach - ausser eventuell “im Verborgenen blühenden” privaten und evtl. spontanenFormationen) die Gruppen “Wedding Skiffle Orchestra”, “Pommi’s Skiffle-Group”, “Old Men Skiffle-Group”, nahezu ununterbrochen seit fünfzig Jahren "The New Skiffle Spirits" und wir: die Gruppe "SEARCHIN THE ROOTS".

Wir haben uns besonders der Tradition der Jugbands, z. B. den Stücken der “Memphis Jug Band” gewidmet, ohne jedoch die Herkunft aus dem Skiffle der 50er-Jahre, geprägt von Lonnie Donegan, dem “King of Skiffle” zu vernachlässigen, wir hoffen, dass unser Publikum den gleichen Spaß daran hat wie wir.
Besonderen Dank schulden wir unserem Freund Holger Lührig, dem wohl bekanntesten deutschen “Skiffle-Chronisten”, der uns mit Aufnahmen diverser Bands und mit Texten sehr geholfen hat. Holger spielte Bass und Jug in der Gruppe “Heupferd” - zusammen mit Götz Alsmann(!) und pflegt guten Kontakt zur deutschen Skiffle-Szene und nach England zum Alt-Skiffler
Chas McDevitt (Vorsitzender der britischen “National Skiffle Society”).

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In der “Fabrik”, “Hamburger Skiffle Festival” 2005

Wir selbst haben auch als Zuhörer beim “Hamburger Skiffle Festival” teilgenommen und halten zu den Veranstaltern in Hamburg Kontakt - haben eventuell vor, in Berlin künftig Ähnliches zu veranstalten.